Deutschlernen in der Grundschule?

BildungsForum Deutsch lernen

Anfang August 2019 hat der CDU-Politiker Carsten Linnemann eine typische Sommerloch-Diskussion angestoßen. Er forderte, dass Kinder mit geringen Deutschkenntnissen nicht mit allen anderen, sondern allenfalls später in die Grundschule gehen sollen. Den besten Text in der anschließenden Debatte schrieb die Münchner Autorin Lena Gorelik (erschienen am 8. August 2019 in der Süddeutschen Zeitung). Darin erzählt sie auf eine Art, wie es nur gute Autorinnen und Autoren können, von ihrer eigenen Erfahrung – nämlich als Kind jüdischer Immigranten und begeisterte Leserin (auf Russisch) plötzlich ganz ohne Deutschkenntnisse in eine schwäbische Grundschulklasse zu kommen.

„Das Mädchen hofft, nicht aufzufallen. Es hofft, dass die Zeit schnell vergeht, obwohl fünf Stunden lange dauern, eigentlich endlos.“ „Vierte Klasse, keine Deutschkenntnisse“, so der Titel, ist eine harte Geschichte. Aber eine Geschichte, die gut endet: Das Mädchen findet nicht nur einen Lehrer, der ihre mathematische Begabung erkennt und sie auch zum Schreiben ermutigt; sie findet Freunde unter ihren Mitschülern. Und sie findet, gerade weil sie darum kämpfen muss, einen Weg zu „Deutschkenntnissen“, der diesem bürokratisch-pädagogischen Ausdruck am Ende einen ganz neuen Sinn gibt.

Genau so, mit dem Blick aus der Sicht der einzelnen Mädchen und Jungen, müsste man diese Debatte eigentlich führen. Leider wird sie ganz anders geführt, vor allem von Verbänden und konservativen Bildungspolitikern. Immerhin stieß Linnemanns Vorstoß umgehend auf Protest; die GEW verurteilte ihn ebenso wie Erziehungswissenschaftler*innen als pädagogisch unsinnig und völlig ahnunglos. Linnemann, der eigentlich ein unternehmensnaher Wirtschaftspolitiker ist, fühlte sich daraufhin natürlich falsch verstanden, andere wie der JU-Vorsitzende Tilman Kuban sprangen ihm bei.

Etliche Prominente schließlich – von Rappern und Comedians bis zur baden-württembergischen Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne) – berichteten von eigenen Schulerfahrungen: Sind sie doch der lebende Beweis, wie gut sprachliche Integration gelingen kann. Doch so eindrucksvoll diese Statements sind: Wenn jetzt die Schule wieder beginnt, wäre es gut, wenn möglichst viele den Text von Lena Gorelik lesen.
Er lohnt sich wirklich.